Ausgewählte Ergebnisse der Befragung im Herbst 2011

Zwei Jahre nach der Bundestagswahl haben wir im Herbst 2011 eine Befragung mit ungefähr 1000 Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt, die wir bereits kurz vor oder nach der Bundestagswahl 2009 befragt hatten. Aus dieser Befragung haben sich einige sehr interessante Ergebnisse zur Veränderung der Ansichten der Deutschen ergeben.

1. Wechselwahl – Union und FDP verlieren, SPD und Grüne im Aufwind

2. Wahrnehmung der allgemeinen und eigenen wirtschaftlichen Lage 2009 und 2011

3. Verantwortlichkeit für die wirtschaftliche Lage

4. Wichtigstes Problem – Europa im Fokus

5. Wahrgenommene Kompetenz der Parteien zur Lösung der wichtigsten Probleme 2009 und 2011

6. In eigener Sache – wie interessant sind die Umfragen der Deutschen Wahlstudie?

 

 1. Wechselwahl – Union und FDP verlieren, SPD und Grüne im Aufwind

Wie haben sich die Wahlabsichten der Befragten der Deutschen Wahlstudie seit der Bundestagswahl 2009 verändert? Die Parteien der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP kamen in unserer Umfrage im Herbst 2011 auf schlechtere Werte als zwei Jahre zuvor. Während die Union nur leicht verlor, büßte die FDP fast 10 Prozentpunkte ein. Auch die Linke verlor an Zuspruch, ihr Stimmenanteil lag in unserer Befragung etwa sieben Prozentpunkte niedriger. Als große Gewinner gingen die SPD und die Grünen aus unseren Daten hervor, beide konnten gegenüber 2009 mehr als sieben Prozentpunkte hinzugewinnen. Auch die Piratenpartei konnte sich um über 2 Prozentpunkte verbessern.

Veränderung der Wahlabsichten zwischen 2009 und 2011

 

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Bundestagswahl 2013? Mit voreiligen Schlüssen sollte man vorsichtig sein. Fragen nach der Wahlabsicht zwischen zwei Bundestagswahlen sind immer theoretisch. Noch ist nicht klar, wie sich die Spitzenkandidaten schlagen werden, welche Themen in den Parteiprogrammen besonders hervorgehoben werden und welche Strategie die Parteien verfolgen werden. Auch die Auswirkungen des Wahlkampfs lassen sich nicht vorhersagen, jeder Wahlkampf ist anders und kann seine ganz eigene Dynamik entwickeln. Erste Trends lassen sich aber bereits erkennen. So wird es etwa für die FDP sehr schwierig werden, ihr gutes Ergebnis aus 2009 halten zu können. Die Piratenpartei kann sich Chancen ausrechnen, erstmals in den Bundestag einzuziehen, muss dazu ihre Anhänger aber genauso erfolgreich mobilisieren wie bei den vergangenen Landtagswahlen. Wie die Wahlabsichten ein Jahr vor der Bundestagswahl sind, ist eine wichtige Frage unserer Befragung im Herbst 2012.

 

 

2. Wahrnehmung der allgemeinen und eigenen wirtschaftlichen Lage 2009 und 2011

Die Bundestagswahl 2009 war geprägt durch die Wirtschaftskrise seit 2008. In den Jahren 2010 und 2011 verbesserte sich die wirtschaftliche Lage deutlich, das Wirtschaftswachstum stieg auf über drei Prozent. In den Wahrnehmungen der Bevölkerung spiegelt sich diese Entwicklung wieder. Im Wahljahr betrachteten nur neun Prozent der Befragten die allgemeine wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut, zwei Jahre später waren dagegen 44 Prozent dieser Ansicht.

Wahrnehmung der wirtschaftlichen Lage (gut oder sehr gut)

Ihre eigene wirtschaftliche Lage sahen die Wähler 2009 deutlich positiver, 43 Prozent hielten diese für gut oder sehr gut. Viele Deutsche überstanden den konjunkturellen Einbruch demnach relativ unbeschadet. Bis zum Jahr 2011 ist der Anteil der Bürger, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut ansehen, bis auf 50 Prozent gestiegen.

Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung

Die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist nur eine Seite der Medaille, die andere ist der Blick in die Zukunft. Wir haben unsere Befragten um ihre Einschätzung gebeten, wie die wirtschaftliche Lage in einem Jahr sein wird. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen 2009 und 2011. Im Jahr 2009 wurde zwar die aktuelle Lage wie gesehen sehr negativ bewertet, aber hinsichtlich der weiteren Entwicklung waren die Wähler recht optimistisch. Knapp 30 Prozent erwarteten, dass die allgemeine wirtschaftliche Lage in einem Jahr besser sein würde – so wie es dann tatsächlich gekommen ist. Zwei Jahre später waren dieselben Befragten deutlich pessimistischer, nur noch 12 Prozent der Befragten gingen von einer guten oder sehr guten Entwicklung aus.

Die eigene wirtschaftliche Lage veränderte sich in der Einschätzung nicht nennenswert. Sowohl 2009 als auch 2011 erwarteten ungefähr 15 Prozent der Befragten, dass sich ihre wirtschaftliche Situation innerhalb eines Jahres verbessern würde. Einmal mehr zeigt sich, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands nur bedingt Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen wirtschaftlichen Lage hat. Anders ausgedrückt: die Bürger sind sehr wohl in der Lage zwischen der Entwicklung der Gesamtwirtschaftslage und ihrer eigenen Situation zu unterscheiden.

 

 

3. Verantwortlichkeit – wirtschaftliche Lage

Eine wichtige Frage in Zusammenhang mit der Wirtschaftslage ist, inwiefern die Bürger die Regierung für deren Entwicklung verantwortlich machen. Nur wenn das der Fall ist, könnte sich eine regierende Partei beispielsweise von einer guten wirtschaftlichen Entwicklung Stimmenzuwächse versprechen, müsste umgekehrt bei einer Eintrübung der Konjunktur aber auch Verluste befürchten.

Verantwortung für die wirtschaftliche Lage

In unserer Befragung zeigen sich nur geringe Unterschiede zwischen den beiden Befragungen 2009 und 2011, aber etwas größere zwischen der allgemeinen und der eigenen wirtschaftlichen Lage. Der Bundesregierung wird insgesamt eine höhere Verantwortlichkeit für die Entwicklung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zugeschrieben. Jeweils knapp über 50 Prozent der Befragten sind dieser Meinung. Für ihre eigene wirtschaftliche Lage sehen dagegen nur etwa 40 Prozent die Regierung verantwortlich. Trotz der sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Situation in den beiden Jahren unterscheiden sich diese Werte kaum zwischen 2009 und 2011. Die Befunde zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bürger überzeugt ist, dass die Regierung sowohl die Wirtschaftslage insgesamt als auch die eigene Situation beeinflussen kann – im Positiven wie im Negativen.

 

 

4. Wichtigstes Problem – Europa im Fokus

Wir haben unsere Befragten 2011 nach dem aus ihrer Sicht aktuell wichtigsten Problem in Deutschland gefragt, welches die Politik lösen sollte. Über 30 Prozent der Befragten stuften die Eurokrise als dringlichstes Problem ein. Weitere 12 Prozent nannten die Arbeitslosigkeit, neun Prozent das Haushaltsdefizit, fünf Prozent die wirtschaftliche Lage. Die Wähler erhoffen sich also von Ihren Volksvertretern vor allem, dass sie wirksame Maßnahmen gegen die finanzielle und wirtschaftliche Krise in der Europäischen Union auf den Weg bringen. Selbst Bildungsfragen oder soziale Themen treten angesichts der Eurokrise derzeit in den Hintergrund.

 Wichtigstes Problem 2011

 

Unmittelbar vor und nach der Bundestagswahl 2009 war dagegen die Arbeitslosigkeit noch das bestimmende Thema in den Augen der Wähler. Bemerkenswert ist an diesem Vergleich unter anderem, dass die damalige Wirtschaftskrise für die Wähler offenbar weit weniger bedrohlich wirkte als die Eurokrise im Jahr 2011, obwohl die unmittelbaren Folgen für die wirtschaftliche Lage in Deutschland 2009 gravierender waren.

Wichtigstes Problem 2009

 

 

5. Wahrgenommene Kompetenz der Parteien zur Lösung der wichtigsten Probleme 2009 und 2011

Welcher Partei trauen die Bürger zu, das aus ihrer Sicht wichtigste Problem zu lösen? Im Jahr 2009 hatten unsere Befragten das größte Vertrauen in die Union. Jeder dritte Befragte gab damals an, die CDU/CSU sei am besten geeignet, um das wichtigste Problem zu lösen. 2011 war die Union zwar immer noch die Partei mit dem höchsten Wert, allerdings vertraute nur noch jeder Vierte in ihre Kompetenz. Dem Koalitionspartner FDP erging es noch schlechter; lediglich ein Prozent der Befragten trauten den Liberalen 2011 noch zu, die wichtigsten Probleme zu lösen. Zwei Jahre zuvor waren es immerhin noch sieben Prozent gewesen.

Auch die Grünen und die Linke verloren an Vertrauen, einzig die SPD konnte 2011 einen besseren Wert erzielen als 2009. Allerdings hielt trotzdem nur jeder Fünfte die SPD für kompetent, ein Wert mit dem die Sozialdemokraten sicher nicht zufrieden sein können. Auffällig ist, dass 34 Prozent der Befragten keine Partei für geeignet halten, das wichtigste Problem zu lösen. Der oft zitierte Vertrauensverlust der Bürger in die Politik scheint sich im Zuge von Wirtschafts- und Eurokrise fortgesetzt zu haben.

 Lösungskompetenzen der Parteien allgemein

Betrachten wir die wahrgenommene Lösungskompetenz noch aus einem anderen Blickwinkel und untersuchen, wie viel Prozent der eigenen Anhänger die jeweilige Partei für kompetent halten, das aktuell wichtigste Problem zu lösen. Auch hier zeigt sich, dass die Union 2009 besonders großes Vertrauen genoss, 85 Prozent ihrer Wähler schrieben ihr die Lösungskompetenz zu. Zwar ist dieser Wert 2011 deutlich zurückgegangen, mit 72 Prozent konnten sich CDU und CSU aber noch immer über das größte Zutrauen der eigenen Anhänger freuen. Bei der SPD war die Entwicklung bei den eigenen Anhängern erstaunlicherweise negativ, 2011 traute ihr nur noch etwa jeder zweite ihrer Wähler zu, das wichtigste Problem in Deutschland zu lösen. Besonders dramatisch fiel indes der Vertrauensverlust einmal mehr bei der FDP aus. 2009 waren die Liberalen bereits nur für 44 Prozent ihrer Wähler die Partei mit der besten Problemlösungskompetenz. Zwei Jahre später aber glaubt nur einer von zehn FDP-Wählern an die Kompetenz der Partei. Für die Grünen und die Linke kann dieser erschreckende Wert nur ein schwacher Trost sein, denn auch diese Parteien genossen 2011 nur noch das Vertrauen eines guten Viertels ihrer Wähler.

Lösungskompetenz der eigenen Partei

Bei unterschiedlichem Ausmaß lässt sich also für alle Parteien ein negativer Trend feststellen. Dass selbst ein erheblicher Teil der eigenen Anhänger nicht mehr daran glaubt, dass die Parteien in der Lage sind überzeugende Lösungen für die dringenden Probleme unserer Zeit zu finden, ist ein alarmierender Befund, denn dies ist doch gerade die zentrale Aufgabe einer demokratischen Regierung. Für diesen Vertrauensverlust sind verschiedene Ursachen denkbar. Beispielsweise könnte es schlicht ein Ergebnis der scheinbar unkontrollierbaren Eurokrise sein. Genauso gut könnten aber auch Skandale und Verfehlungen von Politikern dazu beigetragen haben, dass die Bürger ihren Repräsentanten zunehmend kritisch gegenüber stehen. Wir werden dieser Entwicklung in Zukunft noch genauer auf den Grund gehen.

 

 

6. In eigener Sache – wie interessant sind die Umfragen der Deutschen Wahlstudie?

In der Umfrage 2011 haben wir unsere Befragten auch gefragt, wie interessant sie die Befragung fanden. Fast drei Viertel empfanden die Umfrage als sehr interessant oder eher interessant, nur fünf Prozent fanden sie weniger oder überhaupt nicht interessant. Das ist für uns ein sehr erfreuliches Ergebnis, wir werden uns auch in Zukunft bemühen, die Umfragen so interessant wie möglich zu gestalten.

Bewertung der Umfrage 2011

Uns ist aber auch klar, dass unsere Befragungen nicht immer nur Spaß machen. Auf die Frage was wir verbessern könnten, wurden vor allem drei Dinge genannt. Einigen Befragten waren die Antwortmöglichkeiten nicht differenziert genug, andere hätten sich gewünscht zu anderen Themen befragt zu werden und manche störten sich daran, dass sich einige Fragen im Vergleich zur vorherigen Befragung wiederholt haben.

Wir wissen, dass vorgegebene Antwortskalen nicht immer ganz einfach sind. Manchmal hat man das Gefühl, dass keine der Alternativen ganz genau passt oder möchte seine Antwort genauer erläutern. Fragen mit vorgegebenen Skalen haben aber den großen Vorteil, dass sie leicht vergleichbar sind und von allen Befragten gleich verstanden werden. Auf den ersten Blick wirkt es genauer, die Antwort in eigenen Worten abzugeben. Aber das bedeutet nicht nur einen höheren zeitlichen Aufwand für den Befragten und den Interviewer, sondern kann auch Missverständnisse nach sich ziehen. Vielleicht nimmt der Interviewer die Antwort verkürzt auf oder der Forscher interpretiert die Antwort nachher anders als der Befragte sie gemeint hat. Und dann wäre da ja noch das Problem der Vergleichbarkeit zweier ganz unterschiedlicher Aussagen. Beides hat also Vor- und Nachteile. Wir werden auch in Zukunft bei jeder Frage sehr genau darüber nachdenken, ob eine vorgegebene Skala oder ein offene Frage besser geeignet ist und mit einer Mischung aus beiden Varianten arbeiten.

Die Auswahl der Themen stellt uns ebenfalls jedes Mal vor eine große Herausforderung. Einerseits möchten wir die Meinung von allen Befragten zu einem bestimmten Thema wissen, denn nur dann können wir abschätzen wie die Bevölkerung insgesamt darüber denkt. Andererseits wissen wir, dass jedes Thema für einen Teil der Wähler sehr interessant ist, für andere aber eher zweitrangig. Wir versuchen in jeder Befragung Themen aufzugreifen, die aktuell in den Medien diskutiert werden. Daneben interessieren uns aber auch Themen, bei denen es um ganz grundlegende Fragen geht, auch wenn sie zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht nicht so wichtig erscheinen.

Die Wiederholung von Fragen lässt sich nicht ganz vermeiden, denn nur so können wir untersuchen, wie stabil die Einstellungen zu bestimmten Fragen sind und wie viele Bürger ihre Meinung ändern. Natürlich sind aber auch aktuelle Entwicklungen sehr wichtig, sodass wir auch hier eine ausgewogene Mischung anstreben.